Hamaguchi Ryusuke — Neues asiatisches Kino München

Der 1978 geborene Regisseur HAMAGUCHI Ryusuke erhielt seine Ausbildung zum Filmemacher an der renommierten Tokyo University of the Arts. Sein Abschlussfilm PASSION (2008), eine komplexe und zugleich amüsante Beziehungsstudie unter Endzwanzigern in Yokohama, feierte seine Premiere auf dem Festival in San Sebastian. Seither entstand in nur sieben Jahren ein beeindruckendes Œuvre aus vier langen Dokumentar- und vier zum Teil überlangen Spielfilmen, die auf internationalen Festivals Aufmerksamkeit erregten.
In Zusammenarbeit mit SAKAI Ko drehte er von 2011 bis 2013 die TOHOKU DOCUMENTARY TRILOGY, bei der Augenzeugen von ihrer Erfahrung des verheerenden Tsunamis berichten. Hamaguchis Spielfilme handeln meistens von menschlichen Beziehungen und Gruppenprozessen. Häufig stehen dabei mehrere Hauptfiguren gleichwertig nebeneinander, um unterschiedliche Aspekte eines Themas zu repräsentieren. So entstehen vielschichtige Bilder vom Leben in der japanischen Gesellschaft von heute, die für den europäischen Zuschauer überraschend vertraut sind. Die Reihe im Werkstattkino ist die erste Werkschau von HAMAGUCHI Ryusuke. Alle Filme werden im japanischen Original mit englischen Untertiteln gezeigt.

Programm

Werkstattkino
Fraunhoferstraße 9, 80469 München
Tel. 089 / 260 72 50
Eintritt: 5 € / Überlänge 6 bzw. 7 € (Intimacies)

Filme

Eine Gruppe von sechs Freunden und Freundinnen trifft sich zu einer Geburtstagsfeier in einem Restaurant. Die Ankündigung von Kayo, dass sie und ihr Freund Tomoya bald heiraten werden, löst eine Kette von Geständnissen und Verwirrungen aus: Denn eigentlich verehrt Tomoya die unabhängige Takako, die ihrerseits gerne mit Kenichiro zusammen wäre. Der wiederum ist in Kaho verliebt ... Eine Beziehungsreigen im französischen Stil, situiert im nächtlichen Yokohama und mit einem überraschenden Ausgang.

Drama, 115 min, HD, Japan 2008, Darsteller: KAWAI Aoba, OKAMOTO Ryuta, URABE Fusako, OKABE Nao, SHIBUKAWA Kiyohiko, Buch und Regie: HAMAGUCHI Ryusuke, Kamera: YUZAWA Yuichi

«Bei diesem Film wollte ich meine bisherigen filmischen Prioritäten ändern. Bis dahin hatte ich mich vor allem um die Position der Kamera und die Kadrierung gekümmert. In PASSION konzentrierte ich mich ganz auf die Emotionen der Schauspieler.»

HAMAGUCHI

Bei der Hochzeit seines besten Freundes begegnet der erfolgreiche koreanische Modefotograf Bae-Hwan dem attraktiven japanischen Callboy Ryu. Als er ein zufälliges Foto entdeckt, ist er wie besessen von der Idee, Ryu in Korea zum Model zu machen. Währenddessen verstrickt sich Ryu immer tiefer in die dubiosen Machenschaften seiner Zuhälter und verführt außerdem den verzweifelten Freund des Fotografen, der noch am Hochzeitstag von seiner Frau verlassen wurde ... In seiner ersten kommerziellen Filmproduktion gelingt Hamaguchi ein homoerotisches Drama mit Elementen des Yakuza-Films.

Drama, 121 min, HD, Südkorea/Japan 2010, Darsteller: KIM Min-Jun, ISHIDA Hoshi, PARK Sohee, Buch: OURA Kouta und HAMAGUCHI Ryusuke, Regie: HAMAGUCHI Ryusuke, Kamera: PARK Geun-Young

«Der Film war eine internationale Koproduktion zwischen den staatlichen Filmschulen in Südkorea und Japan. In der Zusammenarbeit mit den koreanischen Schauspielern habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht so schwer ist, mit ausländischen Schauspielern zu arbeiten, solange ich mich auf ihre Gefühle konzentriere. Aber mit dem koreanischen Kameramann war es schwierig, sich auf eine Kameraposition zu einigen. Je weiter der Dreh fortschritt, desto weniger Positionen haben wir von jeder Szene gedreht. Dieser Film reflektiert auch die Veränderung meiner Beziehung zum Kameramann – und zu den Schauspielern.»

HAMAGUCHI

Der erste Teil der TOHOKU DOCUMENTARY TRILOGY. Die Sanriku Küste im Nordosten Japans wurde in der Vergangenheit regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht, darunter die verheerenden Tsunamis von 1933 und 2011. Die beiden Regisseure SAKAI Ko und HAMAGUCHI Ryusuke begeben sich auf eine Reise durch die zerstörten und wiederaufgebauten Städte an dieser Küste. In verschiedenen Konstellationen lassen sie die Überlebenden sich gegenseitig ihre Erinnerungen erzählen. Es entstehen authentische Gespräche, die auf eindrucksvolle Weise die Bilder der Katastrophe in den Köpfen der Zuschauer lebendig machen.

Dokumentarfilm, 142 min, HD, Japan 2011, Regie: SAKAI Ko, HAMAGUCHI Ryusuke, Kamera: KITAGAWA Yoshio

«Im Grunde genommen wollten wir die Interviews führen, um die Bedeutung der Städte und Dörfer wiederherzustellen. Wir lebten in Tokyo. Wir kannten die Katastrophe nur aus dem Fernsehen und aus dem Internet. Als wir in die Tohoku-Region kamen, hörten wir die Leute sagen: „Was wir verloren haben, ist einfach zu Dingen geworden. Unsere Häuser und unser Besitz sind nur noch Trümmer.“ Das hörten wir, und wir beschlossen, die Interviews zu führen, um diesen Dingen ihre ursprüngliche Bedeutung zurückzugeben.»

HAMAGUCHI

Der Film folgt den Proben für ein Theaterstück bis zu seiner Aufführung. Die Schauspielerin Reiko und der Autor Ryohei sind ein Paar, sie leben und arbeiten zusammen. Tagsüber proben sie, abends jobbt sie in einer Bar, während er schreibt, um dann während der Frühschicht in einer Großküche zu arbeiten. In diesem strengen Rhythmus schreitet ihr Leben voran, als im Nachbarland Korea ein Krieg ausbricht, der in der Theatergruppe Diskussionen auslöst. Aber auch bezüglich der Arbeit gibt es viele Konflikte. Unter diesen Umständen beginnt die Aufführung des Theaterstücks ‹Intimacies›. Mit minutiöser Genauigkeit zeigt der Film sowohl die Proben als auch das Stück. Theater und Film, Dokumentarisches und Fiktionales vermischen sich und geben dem Zuschauer die Möglichkeit, die Figuren in unterschiedlichen Rollen und Medien zu erleben und ihre Positionen nachzuvollziehen.

Drama, 255 min, HD, Japan 2012, Darsteller: HIRANO Rei, SATO Ryo, Buch und Regie: HAMAGUCHI Ryusuke, Kamera: KITAGAWA Yoshio

«Für mich war dieser Film in vieler Hinsicht ein großartiges Experiment. Die Arbeit mit einer großen Menge von Worten (nicht nur Dialoge), die Aufnahme des gesamten Theaterstücks ‹Intimacies›, als handle es sich um eine Dokumentation, und die totale Befreiung der Schauspieler von meinen Anweisungen. Vielleicht ist der Film nicht in jeder Hinsicht gelungen, aber ich habe die Funken der jungen Schauspielschüler gespürt.»

HAMAGUCHI

Nach dem Tod seines Vater zieht der 17-jährige Chihiro zu seinem Halbbruder in eine kleine Stadt am Fluss. Obwohl er dort warm aufgenommen wird, quält Chihiro die Einsamkeit. Zusammen mit seinem Klassenkameraden Naoya nimmt er Unterricht in modernem Tanz und entwickelt erstaunliche Fähigkeiten in der Manipulation seiner Mitmenschen. Wenig später wird Naoyas Freundin tot aufgefunden und Naoya gesteht, sie umgebracht zu haben ...
TOUCHING THE SKIN OF EERINESS ist ein Mystery-Drama, das als „Prequel“ für den geplanten Langfilm FLOODS gedreht wurde. Der aus den Filmen von SONO Shion bekannte Schauspieler SOMETANI Shota fasziniert nicht nur die Figuren in seiner Umgebung, sondern schlägt auch das Publikum in seinen Bann. Die zweite Umsetzung eines Genrefilm-Drehbuchs von HAMAGUCHI Ryusuke.

Mystery Drama, 54 min, HD, Japan 2013, Darsteller: SOMETANI Shota, SHIBUKAWA Kiyohiko, ISHIDA Houshi, Buch: TAKAHASHI Tomoyuki, Regie: HAMAGUCHI Ryusuke, Kamera: JAREO Osamu

Der Film ist Teil der TOHOKU DOCUMENTARY TRILOGY und das Zwillingsstück zu VOICES FROM THE WAVES KESENNUMA. Inspiriert von der Erzähltradition der Tohoku-Region werden Dialoge zwischen sich nahestehenden Menschen eingefangen, um die Erfahrung der großen Erdbebenkatastrophe Ost-Japans für künftige Generationen festzuhalten. Ein Jahr nach der Katastrophe scheinen viele Bewohner von Shinchimachi, Präfektur Fukushima, Schuldgefühle zu haben, da sie den Verlust ihres Zuhauses und ihrer Lieben überlebt haben.

Dokumentarfilm, 103 min, HD, Japan 2013, Regie: SAKAI Ko, HAMAGUCHI Ryusuke, Kamera: SASAKI Yasuyuki, KITAGAWA Yoshio

«Die Situation von Shinchimachi ist ziemlich kompliziert, weil die Stadt in der Nähe des Atomkraftwerks liegt. Die Strahlung ist jedoch nicht so hoch, und die Menschen können weiter dort leben. Aber außerhalb der Stadt gibt es viele, die geflohen sind. Also fürchten sie um die Zukunft ihrer Heimatstadt. Sie fragen sich, ob es besser wäre zu fliehen oder in der Stadt zu bleiben. Die Leute von Shinchimachi können ihre Gedanken und Gefühle nicht frei ausdrücken.»

HAMAGUCHI

Mit ihren zahlreichen Interviews konzentrieren sich SAKAI Ko und HAMAGUCHI Ryusuke auf die Erfahrungen und die Gefühle der Menschen. In Kesennuma verleihen die beiden Regisseure ein Jahr nach der großen ostjapanischen Erdbebenkatastrophe den Worten der Opfer Gehör. Durch das Sprechen und Zuhören kommen unheilbare Wunden zum Vorschein, gemischte Gefühle bezüglich des Überlebens und eine blasse Hoffnung auf die Zukunft.

Dokumentarfilm, 109 min, HD, Japan 2013, Regie: SAKAI Ko, HAMAGUCHI Ryusuke, Kamera: SASAKI Yasuyuki, KITAGAWA Yoshio

«Die Einwohner von Kesennuma sind in einer einfacheren Situation als in Shinchimachi. Sie wollen einfach ihre Stadt wieder aufbauen. Sie fühlen sich den Dingen in ihrer Umgebung nahe. Für sie genügt es, sich ihrer Stadt zu widmen. Das ist eigentlich die Kernaussage.»

HAMAGUCHI

Du hast sowohl Dokumentar- als auch Spielfilme gedreht und in unterschiedlichen filmischen Genres gearbeitet. Wie unterscheiden sich diese verschiedenen Arbeitsweisen und wie beeinflussen sie sich bei deiner Arbeit als Regisseur?

«Natürlich gibt es viele Unterschiede. Besonders zwischen den Dokumentarfilmen, die ich zusammen mit SAKAI Ko gemacht habe, und meinen fiktionalen Filmen. Die Dokumentarfilme sind sehr stark von SAKAI Kos Charakter geprägt. Er ist ein Meister der Kommunikation. Er kann mit jedem Menschen reden und schafft eine angenehme Atmosphäre. Er ist eine sanfte Person und fürchtet sich sehr davor, Menschen zu verletzen. Er meint, dass wir kein Recht dazu haben. Das war die Haltung, die den Dokumentarfilmen zu Grunde liegt. Ich bin aber ein etwas gewalttätigerer Mensch. Es ist mir ein Anliegen, die menschliche Natur freizulegen. Wenn ich die Dokumentarfilme alleine geschnitten hätte, wären sie wahrscheinlich ironischer und damit auch verletzender geworden. Bei Spielfilmen arbeite ich mit Schauspielern, sie sind meine Mitarbeiter. Also kann ich tiefer mit ihnen kommunizieren. Natürlich muss ich auch auf ihre Gefühle achten, aber ich kann Dinge von ihnen fordern. Das entspricht mir mehr. Was die Dokumentar- und Spielfilm miteinander verbindet, ist das Interesse an den Menschen.»

In deinem jüngsten Film HAPPY HOUR hast Du mit Laiendarstellern gearbeitet, und auch die Schauspielschüler in INTIMACIES stehen zwischen dem Dokumentarischen und der Fiktion. Was ist das besondere an der Arbeit mit Laien?

«Zunächst einmal ist es nicht so, dass ich nicht gerne mit professionellen Schauspielern arbeite. Für meine nächsten Projekte ist das geplant. Laiendarsteller haben immer einen persönlichen Grund, mit einem zu arbeiten. Es geht ihnen nicht darum, Geld zu verdienen oder berühmt zu werden. Sie wollen sie selbst sein. Vielleicht geht es ihnen darum, beim Spielen eine andere Person zu sein. Etwas, was sie in ihrem eigenen Leben nicht ausleben können. Beim Spielen musst du als du selbst reagieren.»

«Die Schwierigkeit bei der Arbeit mit professionellen Schauspielern ist, dass sie oft eher konventionell reagieren. Es dauert dann etwas länger herauszuarbeiten, wer sie eigentlich sind. Das ist ein Argument dafür, mit Laien zu arbeiten. Aber das Problem ist, dass diese in der Regel nicht weitermachen. Natürlich könnte ich immer neue Laien finden, aber das fühlt sich dann immer an wie Einweg-Beziehungen. Ich möchte in nachhaltigeren Beziehungen arbeiten, also muss ich einen Weg finden, mit Profis zu arbeiten.»

Deine Filme sind wenig exotisch, aber man erfährt in ihnen viel darüber, wie die Menschen in Japan leben. Vermeidest du es absichtlich, in deinen Filmen exotische Elemente zu verwenden?

«Der Grund, warum meine Filme nicht exotisch sind, ist, dass der japanische Alltag sich nicht so stark vom Alltag in Europa unterscheidet. Die japanische Kultur wurde von Europa stark beeinflusst. Natürlich gibt es japanischen Traditionen, aber im Grunde genommen ist unser Leben nicht sehr anders. Ich beschäftige mich damit, festzuhalten wie wir leben. Das ist einfach nicht besonders exotisch. Und der Grund, warum ich mich mit dem Alltag beschäftige, ist, dass wir kein Geld haben. Wir haben kein Budget, um Sets oder Kulissen aufzubauen. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Leben einzufangen. Das kostet nicht so viel.»

Du bist mit acht z.T. überlangen Filmen ein sehr produktiver Regisseur. Wie sind diese Filme finanziert?

«In der Regel arbeite ich mit sehr kleinen Budgets. Ich versuche einfach, einen Weg zu finden, einen Film innerhalb des vorhandenen Budgets zu realisieren. Für HAPPY HOUR haben wir es zum ersten mal mit Crowdfunding versucht. Vielleicht ist das der neue Weg, unabhängige Filme zu finanzieren. Für INTIMACIES hatte ich umgerechnet nur etwa 5000 Euro. Das war zu wenig.»

Das Interview führte Susanne Mi-Son Quester am 29. November 2015 via Skype.